Unsere Welt befindet sich im Wandel: Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind – sei es der Klimawandel, Energiekrisen oder zunehmende Vermögensungleichheit – stellen die Grundpfeiler unserer Gesellschaft infrage. Ein grundlegender Wandel ist unumgänglich, doch die Frage bleibt: Wie soll dieser Wandel gestaltet werden?

Es gibt viele unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Zukunft aussehen könnte. Diese Vorstellungen unterscheiden sich voneinander in grundsätzlichen Fragen: Wie wollen wir miteinander leben? Welche Infrastrukturen sollen wir füreinander bereitstellen? Zu welchem Zweck und in welcher Art und Weise wollen wir wirtschaften und politische Entscheidungen treffen? Oft stehen diese verschiedenen Vorstellungen auch im Widerspruch zueinander. Das fällt vor allem bei Vorstellungen zu nachhaltigen oder gerechten Zukunftsvisionen auf. Ein Beispiel: Die Vorstellung einer Post-Wachstums-Gesellschaft, in der weniger produziert und konsumiert wird, der Vision eines grünen Kapitalismus, in dem das Konsumlevel gleich bleibt oder sogar ansteigt, aber ökologisch produziert wird, entgegen.
Wir wollten herausfinden, welche Zukunftsvisionen es in Österreich gibt und wer sich dafür einsetzt. So können wir erkennen, wo es Konflikte und Widersprüche gibt, wer die Debatte dominiert und – was ebenso wichtig ist – wer davon ausgeschlossen wird.
Zu diesem Zweck haben wir in zwei Studien zwei verschiedene Bereiche untersucht, in denen die Transformation im Mittelpunkt der Debatte steht: die Politik und die Medien. In beiden Studien analysieren wir Debatten über gesellschaftliche Veränderung und die bestehenden Vorstellungen darüber, wie diese aussehen sollen. Die erste Studie baut auf die Analyse der aktuellsten Partei- und Wahlprogramme politischer Parteien und Positionspapiere von Sozialpartner*innen (Stand: 2025) und bildet damit die Debatte in der österreichischen Politik, wie sie Politik*erinnen führen, ab. Die zweite Studie analysiert Zeitungsartikel und Podcast-Transkripte von 2015 bis 2022 und zeigt das Bild der Veränderung, das Journalist*innen in der Medienberichterstattung zeichnen. Beide Studien zusammen zeigen, welche Sichtweisen auf die Transformation in Österreich existieren und welche Akteursgruppen sie vertreten.
Zu wissen, wer welche Vorstellungen von welcher Position aus in die Debatte einbringt, ist wichtig, denn: Zukünftsvisionen lenken Handeln und damit das Umgestalten von wirtschaftlichen Systemen. Sie tun das, weil sie den Rahmen des Möglichen bestimmen.
Ergebnisse
Um verschiedene Zukunftsvisionen zu erkennen, muss man herausfinden, welchen Aspekten einer „Transformation“ sie Vorrang einräumen; zum Beispiel: Welche Rolle sollte der Staat spielen, wie wichtig ist Technologie oder wie schnell und tiefgreifend sollten Veränderungen vonstattengehen? Wir identifizieren vier Arten von Visionen, die in der politischen und der medialen Debatte vorkommen: Marktorientierte Visionen, Regulierungsorientierte Visionen, Naturorientierte Visionen und Konfliktbasierte Visionen.
Marktorientierte Visionen legen den Schwerpunkt auf Wirtschaftswachstum und möglichst geringe staatliche Regulierungen. Regulierungsorientierte Visionen befürworten eine strengere Politik und schrittweise, langfristige Veränderungen und legen den Fokus oft auf soziale Gerechtigkeit. Naturorientierte Visionen verbinden den Wandel eng mit der Klimakrise, sei es durch Naturschutz oder durch das Erreichen von Klimaneutralität. Konfliktbasierte Visionen betrachten Konflikte als Katalysator für Veränderungen, ohne dass es dabei ein einheitliches gemeinsames Ergebnis geben muss.
Unsere Analyse für Österreich ergab für beide Debatten, also in Medien und Politik, ein ähnliches Muster: Die marktorientierte Vision kam am häufigsten vor, gefolgt von regulierungsorientierten Visionen. Visionen, die Bedeutung der Natur zu konzentrieren oder die Rolle von Konflikten als Triebkraft für Veränderungen hervorzuheben, kommen zwar auch vor, sie dominieren die Debatten aber nicht. Insgesamt sind Stimmen, die den Status quo direkt hinterfragen und weitreichende Veränderungen fordern, in den Zukunftsvisionen österreichischer Akteure*innen, egal ob politische Parteien, Gewerkschaften, NGOs, Firmen, Verbände, sehr selten.
Aber gibt es auch Unterschiede in den beiden Debatten: In der Analyse der Visionen der österreichischen politischen Parteien und Sozialpartner*innen gab es einige Akteur*innen, die regulierungsorientierte Zukunftsvisionen mit starkem Fokus auf Gerechtigkeit vertreten. Interessanterweise kam dieser Ansatz aber deutlich seltener in der medialen Debatte vor.
Wir beobachten außerdem, dass bestimmten Gruppen in der medialen Debatte viel Raum eingeräumt wird, um Zukunftsvisionen zu definieren: Politiker*innen, Vertreter*innen der organisierten Industrie, Unternehmen, Thinktanks und Forschende an Universitäten. Der Großteil dieser Gruppen tendiert dazu, eine sehr ähnliche, marktbasierte Vision zu vertreten. Zivilgesellschaftliche Gruppen und Aktivisten*innen, die grundlegende Veränderungen vorschlagen, spielen keine prominente Rolle und ihre Zukunftsvisionen sind in der Debatte deutlich weniger abgebildet. Dass aktivistische Forderungen nach einem umfassenderen gesellschaftlichen Wandel in der Berichterstattung oft kaum Beachtung finden, ist besonders überraschend: Unser Datensatz zeigt, dass Aktivist*innen nur im Zusammenhang mit Protesten Erwähnung finden.
Zentrale Erkenntnisse
- Marktorientierte Visionen, bei denen technologische Lösungen, Wirtschaftswachstum und kleine Schritte hin zu teilweisen Veränderungen im Vordergrund stehen, kommen am häufigsten in der medialen und politischen Debatte in Österreich vor.
- Industrie, Unternehmen, Regierungsparteien und Thinktanks des privaten Sektors vertreten diese stark marktorientierte Vision der Zukunft.
- In der Analyse der politischen Debatte gibt es auch einige Akteur*innen, die eine regulatorische Zukunftsvision haben. Die politischen Akteur*innen vertreten dabei eine Vision mit starkem Fokus auf Gerechtigkeit. In der medialen Debatte ist dieses Bild jedoch eher uneinheitlich, auch wenn verschiedene Akteure langfristig auf politische Regulierung drängen.
- Die meisten Visionen zielen darauf ab, den Status quo nur punktuell zu verändern. Das gilt jedenfalls für marktorientierte Visionen, aber auch solche, die Regulierung oder Naturschutz in den Vordergrund stellen, hinterfragen das kapitalistische System nicht grundlegend.
- Transformationsvisionen werden politisiert und professionalisiert: Gesellschaftliche Autoritäten, seien es Politiker*innen, etablierte Wissenschaftler*innen oder Forschungsinstitute, erhalten deutlich mehr Mitspracherecht. Andere Akteur*innen wie NGOs, Aktivist*innen oder zivilgesellschaftliche Gruppen bleiben Nischenakteur*innen in der öffentlichen Debatte.
- Was in der Debatte fehlt: Visionen, die unser zugrunde liegendes System grundlegend hinterfragen; Visionen, die den Menschen als Teil der Natur betrachten und nicht nur die Natur als Ressource oder als isolierten Naturpark; mehr Vielfalt der Stimmen, einschließlich derjenigen von Minderheiten oder marginalisierten Akteur*innen. der öffentlichen Debatte.
Relevanz
oder: Warum das alle etwas angehtObwohl es grundlegende Veränderungen braucht, um die multiplen Krisen unserer Zeit zu überwinden, scheinen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht in der Lage zu sein, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Dies gilt sowohl auf globaler Ebene als auch speziell für Österreich. Während Österreich einst, dank seiner zahlreichen Flüsse und Seen, die Möglichkeiten zur Wasserkraftnutzung bieten, als „Vorbild“ im Umwelt- und Klimaschutz galt, hat dieses Image in den letzten Jahrzehnten an Glanz verloren. Nicht nur sind die österreichischen Treibhausgasemissionen bis 2017 gestiegen, sondern auch der Klimaschutz ist auf der politischen Agenda, insbesondere in der aktuellen Regierungsperiode, in den Hintergrund gerückt.
Unsere Studien bieten gemeinsam eine mögliche Erklärung für diese Entwicklungen: Wenn wir diesen Stillstand in der sozial-ökologischen Transformation überwinden wollen, brauchen wir neue, kritische Visionen, die über die bloße Bewahrung des Status quo hinausgehen. Wie wir gezeigt haben, gibt es diese aber im öffentlichen Diskurs in Österreich praktisch nicht. Medien agieren hier als Gatekeeper: Die Entscheidungsgewalt darüber, welche Visionen zur Sprache kommen, liegt in den Händen einiger weniger. Industrielle und unternehmerische Interessen, die eng mit den regierenden politischen Parteien und privaten Thinktanks verflochten sind, dominieren den Diskurs. Auch Wissenschaftler*innen, Ökonome*innen und andere Fachleute aus dem politischen Bereich werden in die Debatte miteinbezogen. Stimmen von zivilgesellschaftlichen Gruppen, Aktivist*innen sowie Vertreter*innen von Minderheiten oder marginalisierten Gruppen werden weniger publiziert.
Dadurch bilden Berichterstattende nicht nur einen großen Teil der Bevölkerung nicht ab, sondern tragen auch dazu bei, dass bereits mächtige Gruppen die Visionen auf jene beschränken, von denen sie letztlich am meisten profitieren.
Zitate & Grafiken
Stephan Pühringer, Laura Porak, Carlotta Terhorst & Theresa Hager zu Handlungsspielräumen für Klimapolitik in Österreich
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Klimapolitik in Österreich erheblichen Einschränkungen unterliegt. Der vorherrschende Konsens über marktzentrierte Transformationspolitik, Techno-Optimismus und Wachstumsorientierung lässt vermuten, dass selbst sehr progressive Koalitionsregierungen Schwierigkeiten haben werden, einen tiefgreifenden Wandel zu verfolgen, der über die ökologische Modernisierung der Wirtschaft hinausgeht.“
Hendrik Theine & Carlotta Verita zur medialen Isolation aktivistischer Stimmen
„Um zu einer inklusiveren sozial-ökologischen Transformation zu gelangen, muss die Isolation aktivistischer Stimmen durchbrochen werden. Die Integration von Umverteilungsgerechtigkeit in den politischen Mainstream-Diskurs, weg aus der Nische des Protests, ist für eine demokratische Transformation unerlässlich.“

Politikempfehlungen und Denkanstöße
1. Neue Visionen für die Zukunft entwickeln
Wir brauchen Visionen, die über den Status quo hinausgehen und uns helfen zu verstehen, in welcher Welt wir leben wollen. Diese sollten die verschiedenen Dimensionen des Wandels widerspiegeln, beispielsweise indem sie die mögliche Rolle von Akteur*innen und Institutionen beleuchten. Fragen der Gerechtigkeit, der Inklusion und der Intersektionalität sollten dabei im Vordergrund stehen.
2. Partizipative Visionsentwicklung
Wenn wir neue Visionen für unsere Zukunft wollen, müssen wir neue Räume und Kooperationsmöglichkeiten schaffen, die die Entwicklung dieser Visionen ermöglichen. Bürger*innenräte und offene öffentliche Foren sind ein erprobter Weg; ein weiterer Ansatz ist die Förderung des Dialogs zwischen Vertreter*innen der Nachrichtenmedien und zivilgesellschaftlichen Gruppen, beispielsweise durch öffentlich finanzierte Workshops.
3. Regelung der APA-Sendungen
Die Österreichische Presseagentur (APA) spielt eine wichtige Rolle bei der Verknüpfung der Nachrichtenmedien mit Informationen, die von privaten Unternehmen, politischen Parteien oder zivilgesellschaftlichen Gruppen stammen. Im Original Text Service (OTS) der APA kann jeder gegen Bezahlung Pressemitteilungen einspeisen, die dann an alle angeschlossenen Medien weitergeleitet werden. Allerdings verfügen einige Gruppen über mehr Ressourcen, um der APA Pressemitteilungen so zur Verfügung zu stellen, als andere. Hier sind Regulierungsmaßnahmen erforderlich, um mehr Chancengleichheit zu gewährleisten und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen: Dazu gehört die Verwendung öffentlicher Mittel, um kleinere oder finanziell eingeschränkte Gruppen bei der Einstellung von Personal für die Erstellung dieser Unterlagen zu unterstützen, oder die Unterstützung von APA-Mitarbeiter*innen bei der Erfassung und Aufbereitung der Unterlagen dafür.
Links & Ressourcen
Zugrundeliegende Working Papers:

