Mobilitätswende produzieren: Warum die Bahnindustrie jetzt im Zentrum stehen muss

Public Brief
25. September 2025

Basierend auf:
Mobilitätswende produzieren, Verlag Arbeiterkammer Wien, Lukas Cserjan, Julia Eder, Anna Hornykewycz, Laura Porak, Stephan Pühringer

Mobilitätswende produzieren: Warum die Bahnindustrie jetzt im Zentrum stehen muss

Public Brief
25. September 2025

Basierend auf:
Mobilitätswende produzieren, Verlag Arbeiterkammer Wien, Lukas Cserjan, Julia Eder, Anna Hornykewycz, Laura Porak, Stephan Pühringer

In Österreich ist der Verkehr einer der größten Verursacher von Treibhausgasen – gleich nach der Energieerzeugung. Das Problem: Während andere Bereiche ihre Emissionen senken konnten, steigt im Verkehr der Ausstoß sogar noch. Seit 1990 hat er um etwa sieben Prozent zugenommen. Der größte Teil der Verkehrsemissionen entfällt dabei auf den Straßenverkehr.

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Ergebnisse

Unsere zentrale Erkenntnis ist, dass der Bahnsektor mit gezielter nachfrageorientierter Industriepolitik durch den Staat zum Rückgrat einer klimafreundlichen Wirtschaft werden kann.

Die Erhebung zum Status-Quo der Bahnindustrie zeigt, dass sie sich durch einen stabilen Markt in Österreich, eine hohe Exportquote und eine starke Innovationskraft auszeichnet. Sie besteht aus einer Vielzahl an unterschiedlich spezialisierten Unternehmen, die sehr gute Arbeitsbedingungen bieten. Die Stärke der Unternehmen liegt in ihrer Innovationskraft, der langen Tradition sowie dem Umstand, dass österreichische Unternehmen – im Gegensatz zur Autoindustrie – innerhalb der Lieferketten entweder Schlüsselpositionen besetzen oder am Ende einer Lieferkette stehen, und somit eine starke Position besetzen.  Gleichzeitig bestehen Herausforderungen etwa durch die angestiegenen Energiepreise, die steigenden Löhne in Folge der hohen Inflation, Bürokratie und internationale Konkurrenz, insbesondere durch chinesische Anbieter. Insgesamt würde aber eine gezielte Förderung des Sektors – auch auf EU-Ebene, etwa durch local-content-Klauseln in öffentlichen Ausschreibungen oder stabile öffentliche Investitionen in das Schienennetz, die österreichische Position auf globalen grünen Märkten stärken und langfristig Arbeitsplätze in dem Sektor sicherstellen. 

Unsere Erhebung zum Ausbau der Bahninfrastruktur zeigt, dass das Zielnetz 2040 zu einer Wertschöpfung von bis zu 24,4 Milliarden Euro, Beschäftigungseffekten von bis zu 14.500 Arbeitsplätzen sowie gesteigerten Staatseinnahmen führen kann. Besonders profitieren der Bausektor, sowie vor- und nachgelagerte Sektoren wie Grundstücks- und Wohnungswesen sowie Architektur- und Ingenieursbüros.

Zentrale Erkenntnisse

  1. Österreich war historisch gesehen immer ein Bahnland.
  2. Das Zielnetz 2040 könnte insgesamt bis zu 24,4 Mrd. € Wertschöpfung schaffen.
  3. Das Zielnetz 2040 könnte insgesamt bis zu 14.500 Arbeitsplätze schaffen.
  4. Die österreichische Bahnindustrie ist äußerst innovativ und global wettbewerbsfähig, womit dieser Sektor ein Paradebeispiel für die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit, Beschäftigung und langfristiger Wirtschaftlichkeit darstellt.
  5. Ein politisches Bekenntnis zur Europäischen Bahnindustrie auf EU-Ebene, etwas durch local-content Klauseln bei öffentlichen Ausschreibungen, und stabile Investitionen in die EU Schienennetze würde die Position der Europäischen Bahnindustrie und damit Arbeitsplätze in dem Sektor langfristig absichern können.

Relevanz

oder: Warum das alle etwas angeht

Die Geschichte der österreichischen Bahnindustrie nimmt ihren Anfang in der Habsburgermonarchie. So wurden etwa 1873 in Wien die ersten Liegewagen Kontinentaleuropas gebaut. Bis heute hat die Bahnindustrie hier einen hohen Stellenwert. Es gibt viele Weltmarktführer, die Produkte in alle Welt exportieren. Im internationalen Vergleich ist die österreichische Bahnindustrie sehr wettbewerbsfähig: In keinem anderen Land entstehen in diesem Sektor so viele Patente und nirgends wird pro-Kopf mehr exportiert. Auch im Alltag der Menschen spielt die Bahn eine wichtige Rolle. Rund 28.000 Jobs hängen direkt oder indirekt an ihr, und die Branche erwirtschaftet jedes Jahr eine Bruttowertschöpfung von etwa 2,7 Milliarden Euro. Zusammen mit Zuliefer- und Dienstleistungsbereichen wird daraus ein umfassender industrieller Sektor, der stark exportorientiert, regional verankert und vergleichsweise ökologisch nachhaltig ist.

Trotzdem steht das „System Bahn“, also die Kombination aus Produktion für die Bahn, Infrastruktur und Bahnbetrieb, nicht im Zentrum der österreichischen Industriepolitik. Während man fast täglich von der Autoindustrie hört, redet kaum jemand über die Bahnindustrie.

Insbesondere ein politisches Commitment auf europäischer Ebene birgt große Vorteile für österreichische Unternehmen. Der EU-Binnenmarkt ist der wichtigste Absatzmarkt, und eine gestärkte EU-Bahnpolitik öffnet Chancen für österreichische Anbieter – sei es in Form von Zulieferungen, Dienstleistungen oder Wissens- und Technologietransfer. Dennoch wird die Bahnindustrie im öffentlichen Diskurs viel weniger behandelt als die Autoindustrie, obwohl sie einen grünen, wettbewerbsfähigen Markt darstellt und ein enormes Zukunftspotenzial für Österreichs Wirtschaft bietet. Dieser Mangel an Aufmerksamkeit verdeutlicht, dass Forschung im Bahnsektor notwendig ist, um die Innovationskraft des Landes voll auszuschöpfen und eine nachhaltige, vielfältige Mobilitätszukunft zu gestalten.

Investitionen in Schieneninfrastruktur sind zudem ökonomisch von großer Bedeutung: Diese sind längst nicht nur ein Kostenfaktor im Staatshaushalt, sondern bietet durch Wertschöpfung und Beschäftigung einen echten Mehrwert für die heimische Wirtschaft. Als Katalysator fördert die Branche zahlreiche vor- und nachgelagerte Sektoren, etwa im Maschinenbau, der IT oder bei Zulieferern, und sichert somit Arbeitsplätze und regionale Entwicklung. Öffentliche Investitionen in die Bahn bieten den Unternehmen Planungssicherheit und langfristige Perspektiven – ein zentraler Faktor, um Innovationen anzustoßen und nachhaltige Geschäftsmodelle zu etablieren.

Zitate & Grafiken

Zur Relevanz des Bahnsektors für die sozial-ökologische Transformation

“Für eine sozial-ökologische Transformation in Österreich, also einer Neuorganisation von Produktions- und Konsumstrukturen entlang ökologischer Rahmenbedingungen, ist eine grundlegende Reform des Verkehrssektors im Rahmen einer Mobilitätswende unerlässlich”

Zu sozialen Aspekten der Mobilitätswende

“[Ö]ffentlicher] Verkehr [ist] auch mit der sozialen Frage eng verknüpft, da einkommensschwächere Gruppen eher kein Auto besitzen und nur bei guten öffentlichen Anbindungen am Gemeinschaftsleben teilhaben können.”

Zur Relevanz des Bahnsektors aus volkswirtschaftlicher Sicht

“Derzeit steht Österreich erneut vor einer entscheidenden Weichenstellung. Diesmal ist die Eisenbahn nicht Triebkraft der Industrialisierung oder des Wiederaufbaus, sondern sie könnte bei industriepolitischer Förderung – und hierbei insbesondere auch im europäischen Gesamtkontext – zu einem Vorreiter der Dekarbonisierung werden. “

Die größte Wertschöpfung eines Bahnausbaus entfällt auf den Tiefbausektor. Darunter fallen Tätigkeiten wie Gleisbauarbeiten, Brücken- und Tunnelbau. Die Bautätigkeit stößt aber auch Aktivitäten in anderen Bereichen an. So profitieren auch Architektur- und Ingenieursbüros (hier sind vor allem Ziviltechniker*innen gefordert) sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen besonders. Insgesamt gibt es keinen Sektor, der komplett unberührt bleibt. Die Kategorie “Sonstige” fasst alle übrigen Sektoren zusammen, die auch eine erhöhte Wertschöpfung verzeichnen, deren Anteil aber unter 5% liegt.

„[D]ie Bahnindustrie [ist] stark export-orientiert, da ein großer Anteil der Produkte im europäischen Ausland oder auf dem Weltmarkt abgesetzt wird. Das heißt, dass die österreichische Bahnindustrie überproportional vom transeuropäischen Schienenausbau profitieren würde, was sich auf Unternehmensebene im Wachstum des Auftragsvolumens und der Arbeitsplätze widerspiegelt“

Ein Bahnausbau erfordert vor allem auch Arbeitskräfte. Insbesondere im Tiefbausektor und die dort verzeichneten Gleis-, Brücken- und Tunnelbauarbeiten steigt der Arbeitskräftebedarf. Aber auch hier gilt wieder: Kein Sektor bleibt von der Investition unberührt.

Politikempfehlungen

1. Industrieempfehlung

Ausbau des Schienengebundenen Verkehrs Österreich und EU-weit für einen grünen Konjunkturaufschwung. Local-Content-Klauseln u.ä. um sicherzustellen, dass Wertschöpfung im EU-Binnenmarkt stattfindet.

2. Arbeitsmarktpolitik

Stärkung der handwerklichen Berufe und Frauenförderung in der Bahnindustrie. Ausbildungsoffensive u.a. durch Umschulungen der Arbeitnehmer aus fossilen Sektoren, für das Systems Bahn.

3. Bildungspolitik

Mehr Allgemeinbildung bzw. Module auf technischen Universitäten/Fachhochschulen zum System Bahn. Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschungseinrichtungen intensivieren.

4. Verkehrspolitik

Abschaffung fossiler Subventionen, um die Kostenwahrheit der Verkehrsträger herzustellen. Förderung der nachhaltigen Mobilität durch Klimaticket und multimodale Lösungen, Stichwort: letzter Kilometer. Anpassung der Raumordnung für nachhaltige Mobilität.

Public Brief zum Download

Mobilitätswende produzieren: Warum die Bahnindustrie jetzt im Zentrum stehen muss

Lukas Cserjan, Julia Eder, Anna Hornykewycz, Laura Porak, Stephan Pühringer
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Zitiervorschlag:
Cserjan, Lukas; Hornykewycz; Porak, Laura; Pühringer, Stephan (2025): Mobilitätswende produzieren. Warum die Bahnindustrie jetzt im Zentrum stehen muss. KOMPASS Public Brief 2025-01. Online: https://kompass.blog/public-brief/mobilitaetswende-produzieren-warum-die-bahnindustrie-jetzt-im-zentrum-stehen-muss/

Ansprechpartner*innen

Anna Hornykewycz

Sozioökonomin
Stellvertretende Leitung SET Lab

anna.hornykewycz@jku.at

Stephan Pühringer

Sozioökonom
Leitung SET Lab

stephan.puehringer@jku.at

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