Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, muss sich auch der Gebäudesektor grundlegend verändern. Schließlich verbrauchen Wohngebäude große Mengen Energie: Rund 16% der deutschen Treibhausgasemissionen werden dort vor allem durch Heizen verursacht.

Berücksichtigt man zusätzlich die Emissionen, die bei der Bereitstellung von Öl, Gas und anderen Energieträgern entstehen, fällt der Anteil noch höher aus. Gleichzeitig leben viele Menschen in Häusern und Wohnungen, die schlecht gedämmt sind und hohe Heizkosten verursachen.
Vor diesem Hintergrund haben wir untersucht, wie Deutschland seinen Wohngebäudebestand klimaneutral gestalten kann. Denn die derzeitigen Maßnahmen reichen nicht aus. Das Umweltbundesamt bezeichnet den Gebäudesektor sogar als „Sorgenkind“ der Klimapolitik. Gleichzeitig ist Immobilienbesitz in Deutschland sehr ungleich verteilt. Während ein kleiner Teil der Bevölkerung einen großen Anteil des Immobilienvermögens hält, müssen rund 53% der Haushalte Wohnraum mieten. Damit liegt die Mieter*innenquote in Deutschland höher als in jedem anderen EU-Land. Deshalb stellt sich nicht nur die Frage, welche Maßnahmen technisch notwendig sind, sondern auch, wer die Kosten einer klimafreundlichen Sanierung trägt und wer von staatlicher Unterstützung profitiert.
Wir untersuchen daher drei zentrale Fragen:
- Welche zusätzlichen Maßnahmen braucht Deutschland, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen?
- Welche Investitionen sind dafür notwendig und wie können diese finanziert werden?
- Welche wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen hat eine solche Transformation?
Um diese Fragen zu beantworten, haben wir verschiedene Datenquellen erstmals miteinander verbunden. Dazu gehören Informationen über Gebäude, Daten zum deutschen Immobilien- und Privatvermögen sowie Daten zur deutschen Wirtschaftsstruktur. Auf dieser Grundlage haben wir verschiedene Entwicklungspfade, wie Deutschlands Gebäudesektor klimaneutral werden kann, berechnet. Die verschiedenen Entwicklungspfade unterscheiden sich in Hinblick auf die Sanierungsrate, also das Tempo in dem Gebäude mit unzureichender Isolierung saniert werden, die Reihenfolge, in der Gebäude saniert werden und die Art der Energie die zum Heizen verwendet wird. Auf dieser Basis können wir ableiten, welche Maßnahmen den größten Beitrag zum Klimaschutz leisten und auf wen sich ihre Kosten und Auswirkungen verteilen.
Mit unserer Studie stellen wir nicht nur konkrete Handlungsempfehlungen zur Dekarbonisierung des Gebäudesektors vor, sondern auch eine Methode bereit, die sich auf andere Länder übertragen lässt. Um diese Weiterentwicklung zu unterstützen, haben wir den zugrunde liegenden R-Code öffentlich zugänglich gemacht.
Ergebnisse
Unsere Ergebnisse zeigen deutlich: Mit der derzeitigen Sanierungsrate –, also dem Tempo, mit dem Gebäude energetisch verbessert und Heizsysteme ausgetauscht werden – erreicht Deutschland seine Klimaziele im Gebäudesektor nicht. Um klimaneutrales Wohnen zu ermöglichen, muss die Sanierung deutlich schneller voranschreiten und die Wärmeversorgung schrittweise auf klimafreundliche Alternativen umgestellt werden. Gleichzeitig zeigt bestehende Forschung, dass diese Maßnahmen sozial gerecht gestaltet sein müssen, damit sie breite Unterstützung finden. Unsere Analyse spezifiziert, welche technischen, finanziellen und wirtschaftlichen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die Dekarbonisierung des Gebäudesektors erfolgreich umgesetzt werden kann.
Technisch ist der Weg grundsätzlich klar: Gebäude müssen besser gedämmt und fossile Heizsysteme schrittweise durch klimafreundliche Alternativen wie Wärmepumpen oder Fernwärme ersetzt werden. Gleichzeitig muss die jährliche Sanierungsrate von derzeit rund 1,5 Prozent auf mindestens 3 Prozent steigen. Bezüglich der zeitlichen Ausgestaltung zeigt sich: Besonders wirksam ist es, zunächst die Gebäude mit der schlechtesten Energiebilanz zu sanieren, da dort die größten Emissionseinsparungen möglich sind.
Unsere Entwicklungspfade berücksichtigen auch, dass eine solche Sanierungsoffensive erhebliche Investitionen erfordert und die Frage der Finanzierung einer Verteilungsfrage gleichkommt. Die Frage, wie die Kosten einer Sanierungsoffensive verteilt werden sollen, drängt sich deshalb auf, weil Immobilienvermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt ist. Während die vermögendsten 10 Prozent der Haushalte rund 48 Prozent des Immobilienvermögens besitzen, besitzt die untere Hälfte der Bevölkerung lediglich 3 Prozent. In diesem Zusammenhang ergeben unsere Berechnungen, dass eine Förderung nach dem Gießkannenprinzip daher öffentliche Mittel vor allem auch an Haushalte verteilt, die bereits über große Vermögenswerte verfügen. Ein zielgerichtetes, vermögensabhängiges Fördermodell dagegen unterstützt Haushalte, die notwendige Sanierungen sonst nicht finanzieren könnten.
Die benötigten Investitionen wirken sich zudem positiv auf die Wirtschaft aus. Unsere Analyse der deutschen Wirtschaftsstruktur zeigt, dass jeder zusätzlich in Gebäudesanierungen investierte Euro die Wirtschaftsleistung um rund 1,16 Euro erhöht. Gleichzeitig entstehen im Durchschnitt 274.000 zusätzliche Arbeitsplätze, vor allem im Baugewerbe und im Handwerk. Damit die Transformation gelingt, müssen allerdings ausreichend Fachkräfte ausgebildet werden.
Unsere Analyse zeigt also, dass Deutschland seine Klimaziele im Gebäudesektor nur erreichen kann, wenn technische, wirtschaftliche und soziale Maßnahmen zusammengedacht werden.
Zentrale Erkenntnisse
- Deutschland muss die jährliche Sanierungsrate von derzeit etwa 1,5 auf mindestens 3 Prozent erhöhen.
- Die größten Emissionseinsparungen lassen sich erzielen, wenn zuerst die energetisch schlechtesten Gebäude saniert werden und die Wärmeversorgung gleichzeitig klimaneutral wird.
- Die notwendige Transformation erfordert hohe Investitionen, kann aber durch sozial ausgewogene Förderprogramme so finanziert werden, dass auch Haushalte, die sich die Sanierung nicht leisten könnten, dekarbonisieren können.
- Eine Sanierungsoffensive erhöht die Wertschöpfung und schafft zusätzliche Beschäftigung in Bauwirtschaft und Handwerk.
Relevanz
oder: Warum das alle etwas angehtDie Frage, wie wir künftig wohnen und heizen, betrifft nahezu alle Menschen in Deutschland. Viele Haushalte spüren bereits heute die Folgen steigender Energiekosten. Gleichzeitig verschärft die Klimakrise den Druck, den Energieverbrauch von Gebäuden rasch zu senken. Unsere Studie zeigt, dass die notwendige Transformation technisch möglich ist. Sie macht aber auch deutlich, dass die bisherigen Fortschritte nicht ausreichen. Ohne zusätzliche ordnungspolitische Anstrengungen wird Deutschland die Klimaziele im Gebäudesektor verfehlen.
Besonders wichtig ist die soziale Dimension der Transformation. Für viele Haushalte zeigt sich die Energiewende ganz konkret auf der Heizkostenabrechnung. Wer in einer schlecht gedämmten Wohnung lebt, verbraucht mehr Energie und ist stärker von steigenden Energiepreisen betroffen. Eine erfolgreiche Klimapolitik muss deshalb darauf achten, dass die Kosten und Vorteile der Transformation fair verteilt werden.
Die Ergebnisse zeigen, dass öffentliche Förderungen gezielter eingesetzt werden können. Wenn Fördermittel stärker an den finanziellen Möglichkeiten der Haushalte ausgerichtet werden, lassen sich Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit besser miteinander verbinden. Gleichzeitig kann eine Sanierungsoffensive wirtschaftliche Impulse setzen: Sie schafft zusätzliche Nachfrage für Handwerk und Bauwirtschaft und kann neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen lassen.
Die Frage der Gebäudesanierung geht damit weit über die Klimapolitik hinaus. Sie betrifft die Wohnkosten von Millionen Menschen, die Verwendung öffentlicher Gelder und die Frage, wie die Lasten der Energiewende zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verteilt werden.
Zitate & Grafiken
Jakob Kapeller zur Gebäudesanierung
„Eine klimaneutrale Transformation des Gebäudesektors ist nach wie vor realisierbar. Neben finanziellen Anreizen braucht es dafür aber auch verbindliche gesetzliche Vorgaben, um eine rasche und sozial ausgewogene Transformationsstrategie umzusetzen.“

Politikempfehlungen und Denkanstöße
1. Sanierungsrate verdoppeln
Bund und Länder müssen ordnungspolitische Rahmenbedingungen schaffen, um die Zahl energetischer Sanierungen inklusive Heizungstausch rasch zu steigern.
2. Schlecht gedämmte Gebäude priorisieren
Dabei sollten Gebäude der niedrigen Energieeffizienzklassen zuerst saniert werden, so können Emissionen besonders rasch gesenkt werden.
3. Förderungen sozial staffeln
Um gesellschaftliche Nachhaltigkeit zu gewährleisten, müssen öffentliche Förderungen an Vermögen ausgerichtet werden.
4. Mieter*innen vor Mehrbelastungen schützen
Politische Maßnahmen sollen jedenfalls verhindern, dass Sanierungskosten auf Mieter*innen abgewälzt werden.

