Transformation auf der Bremse: Wie die Ausgestaltung des Hochschulsystems den gesellschaftlichen Wandel erschwert

Public Brief
22. November 2025

Basierend auf:
Political Economy of Knowledge Production in Capitalist Academia: Challenges and Opportunities for Socio-Ecological Transformation, ICAE Working Paper Series, Carina Altreiter, Theresa Hager, Stephan Pühringer.

Transformation auf der Bremse: Wie die Ausgestaltung des Hochschulsystems den gesellschaftlichen Wandel erschwert

Public Brief
22. November 2025

Basierend auf:
Political Economy of Knowledge Production in Capitalist Academia: Challenges and Opportunities for Socio-Ecological Transformation, ICAE Working Paper Series, Carina Altreiter, Theresa Hager, Stephan Pühringer.

Klimakrise, wachsende Ungleichheit, Vertrauensverlust in die Politik – unsere Gesellschaft steht vor enormen Herausforderungen, die dringend Lösungen brauchen. Eigentlich sollten Universitäten dabei eine zentrale Rolle spielen: Sie forschen, bilden die nächste Generation aus und könnten zu dem Wissen beitragen, das für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel nötig wäre. Doch je länger wir uns als Wissenschaftler*innen in diesem System bewegen, desto deutlicher wird: Irgendetwas läuft schief.

CC BY 2.0 by Mario Habenbacher
CC BY 2.0 by Mario Habenbacher

Statt gemeinsam an den großen Problemen unserer Zeit zu arbeiten, kämpfen Forschende um befristete Stellen, jagen nach Drittmitteln und müssen ständig Artikel veröffentlichen – Hauptsache schnell und in großer Zahl. Interdisziplinäre Projekte, die verschiedene Perspektiven zusammenbringen könnten? Passt nicht in spezialisierte Fachdebatten. Langfristige Forschung zu komplexen gesellschaftlichen Problemen? Schwierig zu finanzieren. Gute und engagierte Lehre und Wissensvermittlung? Wird nur wenig wertgeschätzt. Echte Zusammenarbeit und Dialog mit Menschen außerhalb der Universität? Kostet Zeit, die für die nächste Publikation fehlt.

Das hat uns neugierig gemacht: Warum schaffen es Universitäten so wenig, bei der Bewältigung gesellschaftlicher Krisen zu helfen, obwohl dies doch ihr gesellschaftlicher Auftrag sein sollte? Schließlich wird Forschung und Lehre in Österreich überwiegend öffentlich finanziert. Und vor allem: Was müsste sich ändern, damit Wissenschaft wieder gesellschaftlich relevant wird?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir uns das aktuelle Hochschulsystem genau angeschaut – wie es funktioniert, welche Anreize es setzt, wie es nach außen kommuniziert, wie es Wissenschaftler*innen prägt und wie es Forschende auswählt. Dabei haben wir bestehende Forschung ausgewertet und mit eigenen Recherchen zum Wissenschaftsbetrieb verknüpft. Was wir dabei entdeckt haben, erklärt nicht nur, warum so viele Menschen das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren, sondern zeigt auch konkrete Wege auf, wie wir das ändern können.

Ergebnisse

Wir haben vier Dynamiken im heutigen Universitätssystem identifiziert, die verhindern, dass Wissenschaft zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann: Erstens wird Wissen wie eine Ware behandelt, die Profit erzeugen muss, statt als gemeinsames Gut der Gesellschaft verstanden zu werden. Zweitens stehen Forschende ständig in Konkurrenz zueinander, anstatt zusammenzuarbeiten – wer nicht genug publiziert, fliegt raus. Drittens fehlt es an Vielfalt: Ähnliche Menschen mit ähnlichen Hintergründen forschen auf ähnliche Weise und kommen deshalb zu ähnlichen, wenig innovativen Ergebnissen. Frauen, Menschen mit Betreuungspflichten oder aus niedrigeren sozialen Schichten werden systematisch benachteiligt. Viertens herrschen starre Hierarchien, in denen wichtige Stimmen oft überhört werden, weil Entscheidungen nur von wenigen getroffen werden, und die Forschungskultur durch zu viel Druck negativ beeinflussen. Diese Dynamiken hängen nicht zuletzt auch mit unserem Wirtschaftssystem zusammen.

Doch wir schlagen auch konkrete Lösungen vor: die „4 D’s“ für ein besseres Wissenschaftssystem – Dialog (echte Zusammenarbeit und Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft), Dekommodifizierung (Wissen wieder als öffentliches Gut behandeln, das allen zur Verfügung stehen soll), Diversifizierung (mehr Vielfalt in Forschenden, Perspektiven und Methoden) und Demokratisierung (flache Hierarchien und gemeinsame Entscheidungen). In jedem dieser Bereiche gibt es bereits Bewegungen und Maßnahmen, die versuchen, das jetzige System besser zu machen. Doch nur wenn alle vier Bereiche gleichzeitig verändert werden, können Universitäten wieder ihrer Aufgabe nachkommen und zur Lösung der großen Herausforderungen unserer Zeit beitragen. Wir bringen eine Reihe von positiven Beispielen und diskutieren, woran es immer noch fehlt.

Zentrale Erkenntnisse

  1. Wissen wird zur Ware: Universitäten behandeln Forschung wie ein Produkt, das Profit erzielen muss, statt wie ein gemeinsames Gut, das der Gesellschaft gehört
  2. Konkurrenz verhindert Zusammenarbeit: Der ständige Kampf um Stellen, Publikationen und Fördergelder sorgt dafür, dass Forschende gegeneinander arbeiten, anstatt gemeinsam an großen Problemen zu forschen
  3. Mangelnde Vielfalt führt zu einseitigen Lösungen: Wenn ähnliche Menschen auf ähnliche Weise forschen, entstehen nur begrenzte Lösungsansätze für komplexe gesellschaftliche Herausforderungen
  4. Wissen stützt den Status quo: Das heutige Wissenschaftssystem entstand parallel zum Kapitalismus und produziert durch seine Finanzierungslogik oft Wissen, das bestehende Machtverhältnisse stützt, anstatt sie zu hinterfragen
  5. Alle Dynamiken hängen zusammen: Einzelne Reformen reichen nicht – nur wenn alle vier Bereiche (Dialog, Dekommodifizierung, Diversifizierung, Demokratisierung) gleichzeitig verändert werden, kann echte Transformation gelingen

Relevanz

oder: Warum das alle etwas angeht

Unsere Forschung zeigt nicht nur ein Problem der Universitäten auf, sondern erklärt eine der größten Krisen unserer Zeit: den Vertrauensverlust in die Wissenschaft. Wenn Klimaforscher:innen angegriffen werden, Corona-Expert:innen als Lügner:innen beschimpft werden oder Menschen lieber YouTube-Videos als wissenschaftlichen Studien glauben, liegt das nicht nur an Verschwörungstheorien. Es liegt auch daran, dass Wissenschaft zu weit weg von den Menschen ist und die falschen Prioritäten setzt.

Das Problem ist strukturell: Universitäten funktionieren heute in vielen Bereichen wie Unternehmen, die Wissen verkaufen müssen, statt es der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Ein Beispiel: Eine Forscherin entwickelt eine Lösung für nachhaltige Energieversorgung in ländlichen Gebieten. Aber statt mit den Bewohner:innen zu sprechen, muss sie ihre Ergebnisse schnell in einem teuren englischsprachigen Fachjournal veröffentlichen, das niemand außerhalb der Universität lesen kann. Warum? Weil nur das ihrer Karriere hilft. Die praktische Umsetzung? Nicht ihr Problem.

Diese „kapitalistische Wissenschaft“ reproduziert bestehende Machtstrukturen und Ungleichheiten, statt sie zu hinterfragen. Besonders problematisch: Viele der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen – von der Klimakrise bis zur sozialen Gerechtigkeit – brauchen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachbereichen und die Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven. Aber das aktuelle Wissenschaftssystem belohnt strukturell Spezialisierung und erschwert Kooperation.

Das betrifft uns alle direkt: Ob bezahlbare Medikamente, klimafreundliche Technologien oder bessere Bildung – überall brauchen wir eine Wissenschaft, die der Gesellschaft dient, statt dem Profit. Eine emanzipatorische Wissenschaft macht Wissen für alle zugänglich und wählt ihre Forschungsthemen nach gesellschaftlichen Bedürfnissen, nicht nach Marktinteressen. Nur so kann Wissenschaft zu einer sozial-ökologischen Transformation beitragen, die ökologische Grenzen respektiert und soziale Gerechtigkeit fördert. Unsere Lösungsvorschläge zeigen, wie das gelingen kann.

Zitate & Grafiken

Zum Wissenschaftssystem und seinem transformativen Unvermögen:

„Das derzeitige Wissenschaftssystem, das stark von den Logiken der kapitalistischen Wissenschaft geprägt ist, schafft nicht die strukturellen Voraussetzungen, die für transformative Forschung notwendig sind.“

Dieses Zitat fasst unsere Hauptthese zusammen: Das Problem liegt nicht bei einzelnen Wissenschaftler:innen, sondern im System selbst. Mit „kapitalistischer Wissenschaft“ meinen wir, dass Universitäten heute nach Marktlogik funktionieren – Wissen wird wie ein Produkt behandelt, das verkauft werden muss, und Forscher:innen stehen in ständiger Konkurrenz zueinander. Das so produzierte Wissen befördert den Status quo anstatt innovative Lösungen zu schaffen.

Zu den Herausforderungen unserer Zeit

„Vor dem Hintergrund der Unsicherheiten rund um Fragen der sozial-ökologischen Transformation, muss unkonventionelles, inter- und transdisziplinäres Denken stärker gefördert werden“

Hier geht es darum, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit – wie die Klimakrise oder wachsende Ungleichheit – völlig neue Lösungsansätze brauchen. SET steht für „sozial-ökologische Transformation“, also den grundlegenden Umbau unserer Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Für solche noch nie dagewesenen Probleme brauchen wir kreatives, unkonventionelles Denken – aber das aktuelle Universitätssystem belohnt nur bewährte, „sichere“ Forschung.

Zur Vertrauenskrise in der Wissenschaft

„Die Vertrauenskrise der Wissenschaft kann als Symptom des aktuellen Systems der wissenschaftlichen Wissensproduktion verstanden werden.“

Damit erklären wir, warum immer mehr Menschen das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren. Es liegt nicht nur an Verschwörungstheorien oder politischen Angriffen auf die Wissenschaft, sondern auch daran, dass Universitäten durch ihre Struktur von der Gesellschaft abgekoppelt sind und oft an den echten Problemen der Menschen vorbeiforschen.

Unsere Grafik zeigt: Für eine Wissenschaft, die gesellschaftlichen Wandel vorantreibt, muss das heutige System grundlegend verändert werden. Wir stellen die Dynamiken des jetzigen profitorientierten Systems („capitalist academia“) denen einer emanzipatorischen Wissenschaft gegenüber und zeigen, welche konkreten Reformen in jedem Bereich nötig sind. Dabei wird deutlich: Nur wenn alle Bereiche gleichzeitig verändert werden, gelingt der Systemwandel.

Politikempfehlungen

1. Sichere Arbeitsplätzein der Wissenschaft schaffen

Wir wissen in Österreich sehr viel über etwa Sozialhilfebezieher*innen, aber sehr wenig über Superreiche. Ein Vermögensregister sollte eingeführt werden und könnte dann auch als Datenbasis für eine Vermögenssteuer dienen.

2. Open Access und Open Science fördern

Der COFAG-Untersuchungsausschuss hat gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Privatstiftungen noch nie kontrolliert wurden. Wir empfehlen die Wiedereinsetzung einer Taskforce Superreiche mit mehr Kontrollrechten und -möglichkeiten.

3. Neue Bewertungskriterien für Universitäten einführen

Publikationszahlen und Rankings hin zu gesellschaftlicher Wirkung, Zusammenarbeit und Bürger:innenbeteiligung. Universitäten sollten dafür belohnt werden, dass sie lokale Probleme lösen und mit der Zivilgesellschaft kooperieren.

4. Demokratische Mitbestimmung und Diversität in Universitäten stärken

Nicht nur Professor:innen sollen entscheiden, sondern alle Universitätsmitglieder – von Studierenden bis zu wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen. Es braucht verschiedene Perspektiven, Lebensrealitäten und Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb in Forschung, Lehre und Wissenstransfer. Nur so entstehen Forschungsagenden, die gesellschaftliche Bedürfnisse widerspiegeln.

5. Interdisziplinäre und transdisziplinäre Forschung gezielt fördern

 

Komplexe Probleme wie die Klimakrise brauchen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachbereichen und den Dialog mit der Gesellschaft. Politik sollte solche kooperative Forschung finanziell bevorzugen.

Public Brief zum Download

Transformation auf der Bremse: Wie die Ausgestaltung des Hochschulsystems den gesellschaftlichen Wandel erschwert

Carina Altreiter; Theresa Hager; Stephan Pühringer
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Zitiervorschlag:
Altreiter, Carina; Hager, Theresa; Pühringer, Stephan (2025): Transformation auf der Bremse: Wie die Ausgestaltung des Hochschulsystems den gesellschaftlichen Wandel erschwert. KOMPASS Public Brief 2025-03. Online: https://kompass.blog/
public-brief/transformation-auf-der-bremse-wie-die-ausgestaltung-des-hochschulsystems-den-gesellschaftlichen-wandelerschwert/

Ansprechpartner*innen

Theresa Hager

Sozioökonomin
Stellvertretende Leitung ICAE

theresa.hager@jku.at

Stephan Pühringer

Sozioökonom
Leitung SET Lab

stephan.puehringer@jku.at

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