Die wachsende Konzentration von Einkommen und Vermögen wird – mit den sozialen und ökologischen Folgen von Ungleichheit – zunehmend zu einem gesellschaftspolitischen Problem. Besonders auffällig: In kaum einem anderen OECD-Land ist der Reichtum so stark beim obersten Prozent konzentriert wie in Österreich. Der reichste in Österreich verortete Haushalt verfügt über so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung zusammen.

Diese extreme Ungleichverteilung wirft nicht nur Fragen nach sozialer Gerechtigkeit auf, sondern auch nach den strukturellen und institutionellen Mechanismen, die solche Vermögenskonzentration begünstigen. Es fehlen allerdings fundierte Daten und Untersuchungen über die Netzwerke und Dynamiken der sogenannten High-net-worth-Individuals (HNWIs) – also der Superreichen. Ein tieferes Verständnis dieser wenig erforschten Gruppe ist entscheidend, um politische blinde Flecken im Umgang mit ökonomischer Macht zu erkennen und anzugehen. In unserer Studie haben wir die Unternehmenswelt der Superreichen untersucht und ein dichtes Firmennetzwerk mit Verbindungen zwischen den Reichsten der Gesellschaft entdeckt.
Dabei sind wir wie folgt vorgegangen: Auf Basis eines umfangreichen Datensatzes, der die Unternehmensbeteiligungen der rund 60 reichsten österreichischen Haushalte umfasst, haben wir mittels der Methode der Sozialen Netzwerkanalyse die personellen und institutionellen Verbindungen dieser Superreichen untersucht. Wir haben dabei typische Verbindungsmuster sowie mehrere Besonderheiten der Netzwerke des Überreichtums gefunden.
Ergebnisse
Superreiche haben verschiedene Strategien entwickelt, um ihr Vermögen und ihre Firmen in Österreich zu verwalten. Unsere Studie deckt verschiedene Muster der Verwaltung von Überreichtum auf.
Zentrale Erkenntnisse
- Superreiche bauen ihre Firmenimperien als komplizierte und undurchsichtige Schachtelsysteme auf.
- Einzelne Personen haben gleichzeitig zahlreiche Positionen in großen Firmennetzwerken inne.
- Hoch im Kurs stehen Immobilien: Vermögen wird in eigens dafür gegründeten Immobilien-Gesellschaften geparkt.
- Privatstiftungen, die kaum kontrolliert werden, verwalten den Reichtum.
- Die Reichsten pflegen über ihr Firmennetzwerk gute Kontakte zu Politiker*innen (oder ihnen nahestehenden Personen).
Wie Superreiche ihre Firmenimperien aufbauen
Die meisten Superreichen in Österreich haben ihr Vermögen sehr breit gefächert und besitzen viele Unternehmen, die von zentralen Personen verwaltet werden. Ihre Netzwerke sind meist dicht verbunden und verschachtelt. Durch die Nutzung verschiedener Rechtsformen mit beschränkten Haftungen (GmbH und GmbH & Co KG), oft über verzweigte Strukturen von Holding- und Beteiligungsgesellschaften, Immobiliengesellschaften und Privatstiftungen verbunden, bleiben Vermögens- und Unternehmensbesitzstrukturen oft undurchsichtig, nicht zuletzt für Steuerbehörden.
1. Immobilien als zentraler Bestandteil
Im Immobiliensektor werden häufig 5-10 Gesellschaften mit beschränkter Haftung für ein einzelnes Projekt gegründet. Diese GmbHs tragen oft ähnliche, fiktive Namen und sind über personelle Verflechtungen in einer Weise miteinander verbunden, die die Rückverfolgbarkeit von Kontrollrechten und Eigentumsstrukturen erheblich erschwert. Das öffentlich bekannte Beispiel René Benkos hat bereits gezeigt, wie komplexe Rechtsstrukturen genutzt werden können, um (oft fiktive) Werte zu schaffen und gleichzeitig durch Haftungsbeschränkungen das eigene Risiko zu minimieren und gleichzeitig systemische Risiken für die öffentliche Hand zu erzeugen. Der Immobiliensektor scheint auch von zentraler Bedeutung für das Halten und die weitere Anhäufung von Vermögen zu sein. Fast alle von uns untersuchten Netzwerke umfassen einen erheblichen Anteil an Immobiliengesellschaften.
2. Einzelne Personen verwalten im Zentrum
In den verschachtelten Firmenstrukturen fungieren Jurist*innen, Treuhänder*innen und Anwält*innen häufig als zentrale Akteur*innen, die große Vermögen verwalten und steuern, ohne selbst Teil der superreichen Haushalte zu sein. Diese „Strohpersonen“ spielen eine entscheidende Rolle in der Verschleierung von Eigentümerstrukturen und der Verbindung zwischen den reichsten Haushalten und politischen Kreisen. Dabei finden sich mehrere Personen, die Positionen in mehr als 100 Unternehmen innehaben.
3. In Privatstiftungen wird Vermögen geparkt und verwaltet
Privatstiftungen sind ein beliebtes Mittel zur Verwaltung und Weitergabe von großen Vermögen, da sie für Steuerbehörden undurchsichtig sind. Es ist daher bezeichnend, dass von den schätzungsweise 3.000 in Österreich registrierten Privatstiftungen fast die Hälfte (1.389 Privatstiftungen) in unserer Stichprobe von rund 60 Superreichen-Netzwerken vorkommen, Privatstiftungen scheinen eine spezifisch für Superreiche geschaffene Rechtsform darzustellen und ermöglichen diesen ihren Reichtum diskret zu halten und zu vermehren.
4. Gute Kontakte in die Politik
Reiche Haushalte versuchen oft, politischen Einfluss durch Parteispenden oder neoliberale Think Tanks wie „Agenda Austria“ zu nehmen. Verbindungen in die Politik oder den staatsnahen Bereich spielen in den Firmennetzwerken der Superreichen eine zentrale Rolle, besonders in Industriezweigen wie Papier, Holz, Bau und Textil. Studien zeigen enge Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft. Praktiken wie „goldene Handschläge“ und „Drehtür-Effekte“ sind verbreitet und entziehen sich oft offiziellen Anti-Korruptionsmaßnahmen. Auch wenn durch unsere Studien keine direkte politische Einflussnahme nachweisbar ist, ist es bezeichnend, dass in der großen Mehrheit der Superreichen-Netzwerke (45 Haushalte) politisch exponierte Personen zu finden sind.
Relevanz
oder: Warum das alle etwas angehtWie der Reichtum in unserer Gesellschaft verteilt ist, betrifft alle Menschen, die hier leben und arbeiten. Überreichtum ist dabei eine dreifache Frage von aus dem Lot geratenen Verhältnissen, mangelnder Transparenz und politischer Gestaltung. Dabei erschweren uns fehlende Daten über die Vermögensverteilung, eine fundierte Basis für politische Entscheidungen zu bekommen.
Ziel unserer Studie ist es, mehr Transparenz in die Vermögensverhältnisse von Superreichen zu bringen. Dabei zeigen wir, wie wirtschaftliche Praktiken und Unternehmensnetzwerke dazu beitragen, Informationen über Vermögensverteilung und Ungleichheit zu verschleiern. Zudem wird deutlich, dass Rechtsformen wie die GmbH, ursprünglich zur Förderung von Kleinunternehmen gedacht, zunehmend in komplexen und intransparenten Firmenstrukturen eingesetzt werden. Auch Privatstiftungen spielen eine zentrale Rolle bei der Verschiebung und Verwaltung von Vermögen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die spanische Steuerbehörde verwendet Netzwerkanalysen, um Cluster zu lokalisieren, die ein potenzielles Steuerrisiko darstellen. Daher sammelt sie Steuerdaten von natürlichen Personen, deren Familiennetzwerken und den mit ihnen verbundenen Unternehmensnetzwerken. Unser Ansatz ermöglicht es, typische Muster von Unternehmensnetzwerken der Superreichen in Österreich offenzulegen, die auch von österreichischen Behörden genutzt werden könnten.
Zitate & Grafiken
Stephan Pühringer zu Überreichtum
“Überreichtum ist völlig aus dem Lot geraten.”
Stephan Pühringer über das Zusammenspiel von Recht und Überreichtum
“Die enorme Konzentration von Vermögen basiert fast ausschließlich auf legalen Rechtspraktiken. Wir haben also ein Rechtssystem geschaffen, dass Überreichtum ermöglicht und absichert.”
Stephan Pühringer über die Einführung eines Vermögensregisters
“Wir wissen in Österreich sehr viel über etwa Sozialhilfebezieher*innen, aber sehr wenig über Superreiche. Ein Vermögensregister sollte eingeführt werden und könnte dann auch als Datenbasis für eine Vermögenssteuer dienen.“

Politikempfehlungen und Denkanstöße
1. Transparenz
Wir wissen in Österreich sehr viel über etwa Sozialhilfebezieher*innen, aber sehr wenig über Superreiche. Ein Vermögensregister sollte eingeführt werden und könnte dann auch als Datenbasis für eine Vermögenssteuer dienen.
2. Privatstiftungen kontrollieren
Der COFAG-Untersuchungsausschuss hat gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Privatstiftungen noch nie kontrolliert wurden. Wir empfehlen die Wiedereinsetzung einer Taskforce Superreiche mit mehr Kontrollrechten und -möglichkeiten.
3, Keine Trick mit GmbHs
Regulierung der undurchsichtigen Verschachtelungs-Praxis von Firmenimperien. Dabei wird die Rechtsform von GmbHs (mit beschränktem Haftungsrecht für Kleinunternehmen) von einzelnen Akteur*innen zweckentfremdet.
4. Überreichtum als Demokratieproblem erkennen
Enorme Vermögenskonzentration geht nicht nur mit einer ökonomischen Machtkonzentration einher, sondern wird immer mehr auch zu einem Demokratieproblem. Daher gilt es wirksame Maßnahmen gegen eine weitere Konzentration von Vermögen umzusetzen.



