Interdisziplinarität – also das Zusammenarbeiten verschiedener Fachrichtungen – ist nicht nur ein politisch oft genanntes Ziel. Sie ist notwendig, um die vielen komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Die Wichtigkeit von Interdisziplinarität zeigt sich am Beispiel der Entwicklungsforschung. Dieses Forschungsfeld fragt: Welche Faktoren fördern die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung eines Landes – und welche bremsen sie?

Weil jedes Land ein bestimmtes Maß an Wohlstand erreichen möchte, folgen Politiker*innen den Politikempfehlungen der Entwicklungsforschung häufig. In der Vergangenheit orientierten sich diese Empfehlungen (und vor allem deren Umsetzung) meist an entwicklungsökonomischen Standardrezepten. Im Vordergrund standen Marktöffnung und -liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung sowie fiskalische Strenge – oft gebündelt in Strukturanpassungsprogrammen internationaler Institutionen. Diese starke Ausrichtung auf (neo)liberale Reformpakete ließ kontextspezifische Besonderheiten, alternative Wissensbestände und mögliche soziale wie ökologische Nebenwirkungen vielfach unberücksichtigt.
Die Konsequenzen dieser einseitigen Entwicklungspolitik waren teilweise katastrophal, insbesondere für die Länder des globalen Südens. Aktuell steht die Welt vor neuen Krisen und Herausforderungen. Manche sind als Konsequenz vergangener Entwicklungspfade zu verstehen, manche das Resultat neuer, komplexer Problemlagen. In jedem Fall scheint ein Rückgriff auf entwicklungsökonomische Standardrezepte nicht mehr zeitgemäß. Um dieser Komplexität zu begegnen, braucht es breiteres Wissen und damit auch Interdisziplinarität.
Der vorliegende Public Brief präsentiert die Ergebnisse einer Studie, die erforscht, wie interdisziplinär die Entwicklungsforschung heute ist. Dabei baut sie auf einer früheren Studie auf, die bereits zeigt, dass die Entwicklungsforschung kaum interdisziplinär arbeitet.
Wenn es bereits schon eine Studie dazu gibt, wozu das Thema noch einmal aufgreifen? Die frühere Studie von 2020 hat methodische Grenzen. Das hat mich motiviert, das Thema umfassender zu untersuchen. Hierzu habe ich die Publikationsdaten aus 17 renommierten Entwicklungszeitschriften analysiert und mit der Research Papers in Economics Datenbank (kurz RePEc) abgeglichen. In RePEc sind Forschende registriert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einen wirtschaftswissenschaftlichen Bezug haben – so lässt sich besser einschätzen, welcher Anteil der Autor:innen in den untersuchten Publikationsdaten einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund hat. Außerdem analysiert diese Studie eine deutlich erweiterte Auswahl der zitierten Literatur, während die frühere Studie nur die fünf wichtigsten Zeitschriften aus sieben Disziplinen betrachtete. Der hier verfolgte Ansatz ist breiter und analysiert alle verfügbaren Quellen (insgesamt wurden etwa 18 Millionen Zitationen durchsucht). Zusätzlich habe ich neue Fragen untersucht: Wer zitiert Entwicklungsforschung – und wie oft? In welchen Institutionen arbeiten die Autor:innen? Welche Forschungsthemen werden gegenwärtig verfolgt? Und vor allem: Gibt es hierbei auch markante Unterschiede zwischen Ökonom:innen und Nicht-Ökonom:innen?
Ergebnisse
Die zentralen Erkenntnisse dieser Studie bestätigen das Ergebnis der früheren Studie: Die Entwicklungsforschung ist insgesamt kein interdisziplinäres Feld – vor allem, weil viele Beiträge von Autor:innen mit rein wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund stammen. Zugleich zeigt die Studie:
Zentrale Erkenntnisse
- Der Anteil an Ökonom:innen ist höher als gedacht: Im Teilgebiet der Entwicklungsstudien (development studies) hat am Ende des Untersuchungszeitraumes mehr als die Hälfte der analysierten Arbeiten einen wirtschaftswissenschaftlichen Bezug – das ist noch einmal deutlich mehr als in der Studie von 2020.
- Nicht-ökonomische Entwicklungsforschung ist deutlich vielfältiger: Die Vernetzung über Fachgrenzen hinweg (gemessen an unterschiedlichen Zitationen) ist bei Beiträgen von Nicht- Ökonom:innen viel breiter. Kurz: Entwicklungsforschung außerhalb der Ökonomik ist häufig interdisziplinär. Das gilt auch für Arbeiten, die sich auf heterodoxe Ökonomie stützen – also auf wirtschaftswissenschaftliche Ansätze, die nicht der gängigen Lehrmeinung folgen.
- Ökonomische Arbeiten erhalten mehr Aufmerksamkeit: Entwicklungsforschung von Ökonom:innen wird trotz geringerer Interdisziplinarität deutlich häufiger zitiert als nicht-ökonomische Beiträge. Hierbei fällt auf, dass viele dieser Zitationen wiederum von Ökonom:innen selbst stammen.
- Unterschiedliche Themenprofile: Eine Auswertung der Themen durch die Anwendung von maschinellem Lernen zeigt: Ökonomische Beiträge (mit geringerer Interdisziplinarität) legen den Fokus stärker auf Methoden und klassische Themen der Volkswirtschaftslehre, wie zum Beispiel Regressionsanalysen und Wachstum. Nicht-ökonomische Beiträge (mit höherer Interdisziplinarität) wählen qualitative als auch quantitative Methoden und beschäftigen sich häufiger mit grundsätzlichen Fragen von (Unter-)Entwicklung, Macht, Konflikt und Kapitalismus.
- Internationale Institutionen als Zentrum: Arbeiten mit ökonomischem Hintergrund stammen überproportional oft von Forschenden, die bei der Weltbank oder anderen führenden internationalen wirtschaftspolitischen Institutionen tätig sind.
- Unterschiede besonders stark bei sehr renommierten Ökonom:innen: Die in allen vorigen Punkten genannten Differenze zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Arbeiten sind besonders ausgeprägt in Beiträgen, an denen mindestens ein/e Ökonom:in beteiligt ist, der/die auch in einer der fünf renommiertesten Fachzeitschriften der Ökonomik veröffentlicht hat. Letztgenanntes Kriterium ist ein starker Garant für Ansehen innerhalb der Disziplin.
Relevanz
oder: Warum das alle etwas angehtÖkonomisches Wissen und Ökonom:innen haben großen gesellschaftlichen Einfluss – auch jene wirtschaftswissenschaftliche Forschung, die sich mit Entwicklungsfragen befasst. Die Studie zeigt auf, dass die Wirtschaftswissenschaften einen noch stärkeren Einfluss auf die allgemeine Entwicklungsforschung nehmen, als bisher angenommen.
Ein konkretes Beispiel ist die Weltbank, eine einflussreiche Institution, die die Entwicklungspolitik im globalen Süden maßgeblich mitgestaltet. Ihre Forschung zu Entwicklung wird weiterhin stark vom konventionellen ökonomischen Denken geprägt – also von Ansätzen, die nur wenig interdisziplinär sind. Das passt nicht recht zu ihrem Selbstverständnis als „Wissensbank“ und ihrer Mission, „die extreme Armut zu beenden und geteilten Wohlstand auf einem bewohnbaren Planeten zu fördern“, die durch „multiple, miteinander verflochtene Krisen“ bedroht ist.
Die Ergebnisse zeigen nämlich, dass viele Spitzenökonom:innen bei der Weltbank arbeiten und dort Forschung betreiben (Siehe Abbildung 1). Die Ergebnisse dieser Studie mögen auf den ersten Blick wie ein akademisches Insider-Problem wirken. Doch dahinter steckt eine weit größere Fragestellung: Wessen Wissen formt eigentlich die Politik, die über die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen entscheidet?
Entwicklungsforschung ist kein neutrales Unterfangen. Ihre Ergebnisse beeinflussen, welche Länder Kredite bekommen und unter welchen Bedingungen, wie internationale Institutionen Strukturreformen gestalten und welche Lösungsansätze für Armut, Ungleichheit und Klimaanpassung überhaupt als legitim gelten. Wenn dieses Forschungsfeld von einer einzigen Disziplin dominiert wird, und dabei vor allem von Ökonom:innen, die bei der Weltbank oder ähnlichen Institutionen sitzen, dann hat das reale Konsequenzen: Andere Perspektiven, Methoden und Wissenstraditionen werden systematisch ausgeblendet, bevor irgendjemand eine politische Entscheidung trifft.
Und das betrifft uns alle direkt. Die großen Krisen unserer Zeit, von der Klimakatastrophe bis zu wachsender globaler Ungleichheit, lassen sich nicht mit den Werkzeugen einer einzigen Disziplin lösen. Sie brauchen genau das, was nicht-ökonomische Entwicklungsforschung häufiger leistet: das Zusammendenken von Macht, Geschichte, Ökologie und sozialen Strukturen. Eine Entwicklungsforschung, die diese Vielfalt strukturell unterdrückt, produziert zwangsläufig Antworten, die zu kurz greifen. Insgesamt zeigen die Erkenntnisse dieser Studie, wo angesetzt werden muss: in der Forschungsförderung, in den Publikationsstrukturen und in den internationalen Institutionen, die Entwicklungspolitik prägen.
Zitate & Grafiken
Matthias Aistleitner zu Dominanz der Ökonomie in Entwicklungsforschung
„Die von Ökonom:innen durchgeführte Entwicklungsforschung unterscheidet sich entlang mehrerer Untersuchungsebenen erheblich von der restlichen Entwicklungsforschung. Bei Spitzen-Ökonom:innen sind die Unterschiede nochmal deutlich ausgeprägter und die ökonomischen Beiträge dominieren die Entwicklungsforschung insgesamt.“
Matthias Aistleitner zur Notwendigkeit von Interdisziplinarität
„Die Debatte über Fragen der Entwicklung, ihrer Förderung und ihrer Hemmung sollte sich nicht auf Fragen der methodischen Stringenz oder eng gefasste theoretische Vorannahmen beschränken. Stattdessen sollte sie darauf abzielen, alle relevanten Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen einzubeziehen.“
Ökonomisch geprägte Entwicklungsforschung ist von Autor:innen aus einflussreichen Institutionen dominiert

Politikempfehlungen und Denkanstöße
1. Kritisches Hinterfragen
Wenn Interdisziplinarität ein erklärtes Ziel ist, sollten politische Entscheidungsträger:innen gezielt den Forschungsstil von Ökonom:innen kritisch hinterfragen, der in interdisziplinäre Felder wie die Entwicklungsforschung hineinwirkt.
2. Interdisziplinäre Grundlagen für Lösungen
Politische Entscheidungsträger:innen sollten bewusst auf interdisziplinäre und damit auch qualitative Forschung zurückgreifen, um Lösungen zu erarbeiten.
3. Bewusste Einbindung von Disziplinen
Das Beispiel der Weltbank legt nahe, dass internationale Organisationen ihre starke Ausrichtung auf (entwicklungs-)ökonomische Expertise durch die gezielte Einbindung weiterer Disziplinen (z. B. Soziologie, Anthropologie, Politikwissenschaft, Umweltwissenschaften) ergänzen sollten, um Interdisziplinarität in diesen Institutionen zu stärken.
4. Institutionelle Verankerung
Die Beobachtung, dass Arbeiten mit einem heterodoxen ökonomischen Hintergrund viel stärker mit Interdisziplinarität verknüpft sind, untermauert zudem die Forderung nach einer besseren institutionellen Verankerung heterodoxer ökonomischer Denkschulen in Studienlehrplänen.
