Was passiert, wenn Superreiche ihr Geld nicht behalten wollen – sondern es demokratisch rückverteilen lassen? Genau das hat Marlene Engelhorn, eine österreichische Millionenerbin, im Jahr 2024 getan. Sie gründete den „Guten Rat für Rückverteilung“, in dem 50 ausgeloste Bürger*innen darüber entscheiden sollten, wie 25 Millionen Euro – ca. 90 % ihrer Erbschaft – verteilt werden sollen.

Die Praxis des Guten Rats bestand also darin, Umverteilung nicht als individuelle Geste, sondern als demokratisch legitimierten, kollektiven Entscheidungsprozess zu gestalten. Konkret heißt das: Die Teilnehmer:innen des Guten Rats haben gemeinsam entschieden, was mit Marlene Engelhorns Geld passiert. Das war natürlich ein großes Medienereignis! Zeitungen in Österreich und Deutschland haben mehrfach darüber berichtet. Aber wie genau wurde eigentlich darüber geschrieben?
Denn wenn Medien über ein gesellschaftliches Ereignis berichten, können sie nie alle darin enthaltenen Aspekte gleichermaßen abbilden. Sie setzen Schwerpunkte: Manche Elemente – etwa eine prominente Person – stehen im Rampenlicht, während andere schnell in den Hintergrund geraten. Dazu zählen häufig die konkreten Entscheidungsprozesse selbst: Wer entscheidet eigentlich über das Geld? Eine Einzelperson, eine Gruppe, eine Mehrheit? Ebenso geraten grundlegende Fragen zur gesellschaftlichen Legitimation von Reichtum oft aus dem Blick. Dazu gehört etwa, wie bestehende gesetzliche Regelungen und steuerliche Begünstigungen große Vermögen absichern und reproduzieren.
Uns hat daher interessiert: Welche Botschaften hat der Gute Rat selbst gesetzt – und was davon ist in der medialen Debatte angekommen, verkürzt worden oder untergegangen?
Dafür haben wir uns zwei Aspekte genauer angeschaut: die öffentliche Kommunikation durch den Guten Rat selbst (z. B. Website, Social Media, Pressemitteilungen) und die Medienberichterstattung in 26 deutschsprachigen Medien (Tages- und Wochenzeitungen, Radio und TV). Mithilfe der Kritischen Diskursanalyse haben wir untersucht, wie über Reichtum gesprochen wurde – und wie viel Raum strukturelle Fragen wie Ungleichheit, Demokratie oder Macht in der Berichterstattung haben.
Ergebnisse
Unsere Analyse zeigt: Der Gute Rat hat mit klaren Botschaften versucht, das Thema Vermögensungleichheit differenziert in die Öffentlichkeit zu bringen. In seiner Kommunikation betonte der Rat immer wieder, dass große Vermögen nicht allein das Ergebnis individueller Leistung sind, sondern auf gesellschaftlichen Voraussetzungen beruhen – etwa auf öffentlichen Infrastrukturen, Schulen, Lehre, Unis, rechtlichen Rahmenbedingungen und der Arbeit vieler Menschen. Reichtum wurde damit nicht als rein private Errungenschaft, sondern als kollektive Leistung verstanden, aus dem sich auch eine gesellschaftliche Verantwortung für die Reichen ableitet. Wer in großem Ausmaß von diesen gemeinsamen Grundlagen profitiert, sollte auch einen angemessenen Beitrag leisten. Das kann zum Beispiel durch eine faire Besteuerung hoher Vermögen, durch Erbschaftssteuern oder durch die Unterstützung solidarischer Strukturen geschehen.
Eine weitere Botschaft des Guten Rats war, dass Rückverteilung demokratisch legitimiert sein muss. Die Entscheidung über die Verwendung des Geldes sollte nicht von Einzelnen getroffen werden, sondern gemeinsam und transparent durch Bürger*innen. Auch systemkritische Perspektiven – etwa der Hinweis, dass hohe Vermögenskonzentration demokratische Prozesse untergraben kann – betonte der Gute Rat.
Journalist:innen griffen diese Positionen nur zum Teil auf – und wenn, verkürzt. Stattdessen konzentrierten sie sich in der Berichterstattung auf die Erbin Marlene Engelhorn und ihre Beweggründe und Absichten. Die bewusst demokratische Praxis des Guten Rats und seine strukturelle Kritik rückten in den Hintergrund. Rund ein Viertel der Beiträge stellte das Anliegen des Rats sogar in Frage. Es zeigt sich: Eine tiefgehende Debatte über Reichtum und Macht ist in den aktuellen Medienlogiken – die Fokussierung auf Personen und Skandale – schwer durchzusetzen.
Zentrale Erkenntnisse
- Der Gute Rat machte deutlich, dass großer Reichtum nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern auf gesellschaftlichen Voraussetzungen beruht – etwa auf öffentlicher Infrastruktur, Bildung, rechtlichen Rahmenbedingungen und der Arbeit vieler Menschen.
- Aus dieser gesellschaftlichen Entstehung von Reichtum leitete der Rat eine Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit ab und stellte Rückverteilung als legitime Aufgabe der Gesellschaft dar.
- Demokratische Mitbestimmung wurde als zentraler Weg präsentiert, um über die Verwendung großer Vermögen gerecht und transparent zu entscheiden.
- Die mediale Berichterstattung griff diesen Gedanken – Reichtum als kollektives Produkt – deutlich seltener auf als Erzählungen rund um die Person Marlene Engelhorn.
- Statt struktureller Zusammenhänge dominierten häufig individuelle Beispiele, moralische Bewertungen oder die Legitimierung der bestehenden Ordnung, wodurch die gesellschaftlichen Grundlagen von Reichtum in den Hintergrund traten.
Relevanz
oder: Warum das alle etwas angehtReichtum ist nicht nur eine private Angelegenheit, es betrifft uns alle. Denn wer viel Geld hat, hat auch Einfluss auf Politik, auf Medien, auf gesellschaftliche Entwicklungen. Der „Gute Rat für Rückverteilung“ hat gezeigt, dass es auch anders geht: Rückverteilung kann demokratisch, transparent und gemeinsam gedacht werden. Aber: Unsere Analyse zeigt auch, wie schwer es ist, diese Botschaften durchzusetzen, wenn mediale Aufmerksamkeit sich auf Personen und Skandale konzentriert.
Für die öffentliche Debatte ist das hochrelevant. Wenn wir über Gerechtigkeit sprechen, müssen wir auch über Reichtum sprechen – und vor allem: wie darüber gesprochen wird. Medien haben hier eine wichtige Rolle: Sie können Türen für neue Perspektiven öffnen oder sie verschließen. Unsere Studie zeigt, dass das Thema Vermögensverteilung zwar auf Resonanz stößt, aber oft nicht in der Tiefe, die es braucht. Für die Suderer am Wiener Würstelstand heißt das: Wenn er wissen will, warum Demokratie manchmal so zäh ist, sollte er auch fragen, wer wie viel Geld – und damit Einfluss – hat.
Zitate & Grafiken
Carlotta Verita zum Thema Vermögensungleichheit auf Social Media
“Der Gute Rat hat gezeigt, wie strukturelle Vermögensungleichheiten auf Social Media effektiv und vielseitig kommuniziert werden können.”
Hendrik Theine zu der Entstehung von Reichtum
“Der Gute Rat für Rückverteilung ist ein sehr gelungenes Projekt, das mit dem Aspekt der „Rückverteilung“ eine essentielle Position in der Debatte um Vermögensungleichheit weiter stärkt: das Reichtum nie selbst erarbeitet ist, sondern immer von gesellschaftlichen, politischen, ökologischen Strukturen und Rahmenbedingungen abhängt.”
Moritz Gartiser zur personenzentrierten Medienberichterstattung
“Der Fokus auf die Person Marlene Engelhorn hat die strukturellen Fragen zu Vermögenskonzentration und Machtasymmetrien oftmals überdeckt. Hier braucht es mehr Raum für eine systemischere mediale Debatte.”

Politikempfehlungen
1. Über strukturelle Ursachen berichten
Medien sollten ermutigt und befähigt werden, nicht nur über Einzelpersonen, sondern auch über die strukturellen Ursachen von Macht- und Vermögenskonzentration zu berichten. Das kann etwa durch Förderkriterien bei Medienfonds, journalistische Weiterbildungsprogramme oder verpflichtende Diversitäts- und Gerechtigkeitsleitlinien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschehen.
2. Demokratische Formate fördern
Demokratische Innovationsformate wie Bürger*innenräte fördern – gerade bei Verteilungsfragen. Der Gute Rat hat gezeigt, wie gesellschaftlich relevante Fragen durch ausgeloste Beteiligung neu verhandelt werden können. Solche deliberativen Verfahren verdienen mehr Unterstützung und öffentliche Sichtbarkeit.
3. Investigative Förderprogramme
Förderprogramme für investigative und strukturorientierte Berichterstattung, die neue Narrative in die Öffentlichkeit bringen. Tiefgründige Recherche braucht Zeit, Ressourcen und Unabhängigkeit. Gerade bei komplexen Themen wie Vermögensverteilung helfen gezielte Förderungen dabei, strukturelle Zusammenhänge sichtbar zu machen.

